In Whitehorse gilt es Diesel und Lebensmittel für die nächsten zehn Tag zu bunkern. Zudem ist wiedereinmal Waschtag. Vor dem Laundromat fährt ein Mercedes-Expeditionsmobil mit Sankt Galler Nummer neben unseren Alphie. Wir lernen Ruth und Markus aus Buchs kennen, das dauert: die Herren palavern, die Damen kümmern sich um die Wäsche…

Bereits auf dem Weg Richtung Klondike-Highway hat Thomas eine Idee. Und das nächste Kapitel unseres Gasproblems wird aufgeschlagen, mehr darüber unter ‚Pleiten, Pech und Pannen‘.

Auf dem wenig befahrenen Klondike-Highway sehen, wir mit Ausnahme eines Luchses, keine Tiere. Die Provinz Yukon präsentiert sich uns von ihrer schönsten, nämlich leeren Seite.

Die Five Finger Rapids, vier grosse Felsblöcke im Yukon River, erschwerten den Goldsuchern die Weiterfahrt. Nicht wenige haben bei diesen Felsen ihr Leben gelassen.

Travelmood on Dempster

Kurz vor Dawson City zweigt der berühmt berüchtigte Dempster Highway, eine 736 Kilometer lange Naturstrasse (gravel road) vom Klondike Highway ab. Unsere Erlebnisse als kleines Tagebuch:

Tag 1:

Kilometer 0: es ist bereits Mittag, die beiden Tanks werden an der unbemannten Tankstelle am Eingang zum Highway randvoll gefüllt, wir haben insgesamt 240 Liter Diesel dabei. Bereits vor der ersten Brücke, die saniert wird, gibt es einen Stau, warten warten….

Kilometer 72: die Strasse (oder Piste?) hat es in sich: holperig, kurvig, steinig, staubig, steil. Nach zwei anstrengenden Fahrstunden checken wir im Thombstone National Park Campground ein, Erholung von diesen ersten Fahrerlebnissen ist dringend nötig. Die beiden Fahrzeuge mit Reifenpannen, an denen wir vorbei kommen sowie die stetig patrouillierenden Pannenhelfer, geben schon zu denken. Die lange Fahrt nach Norden zeitigt ein anderes Phänomen, es wird in der Nacht nicht mehr richtig Dunkel. Nun gilt es eine Balance zwischen Lüftung und Verdunkelung zu finden, wobei das Mückenproblem berücksichtigt werden muss.

Muss man sich fremdschämen?
Der Campingplatz ist voll belegt, es herrscht trotzdem eine überraschende Ruhe und Beschaulichkeit. Bis eine Reisegruppe, deren Sprache wir nur zu gut verstehen, zur Zubereitung ihres Abendessens schreitet: lautes Gelächter, Zurufen auf grössere Distanz bis in die späte, helle Nacht hinein. Wir verhalten uns still und hoffen, dass wir nicht mit ihnen verwechselt werden. Und nein, kein Fremdschämen!

Tag 2

Kilometer 355: es regnet in Strömen, die Piste ist glitschig dafür staubt es weniger. Wir wechseln uns beim anstrengenden Fahren ab. Immer wieder überholen oder kreuzen uns Lastwagen und wir fürchten die fliegenden Steine. Die Stimmung ist trüb und wolkenverhangen. Die Lust auf einen weiteren Campingplatz ist uns vergangen, eine verlassene Gravelpit/Kiesgrube, einsam, ruhig und wunderschön, dient als nächsten Übernachtungsplatz.

Entlang des Dempster-Highways gibt es in regelmässigen Abständen bewirtschaftete und aufgegebene Kiesgruben, die dem aufwendigen Unterhalt der Piste dien(t)en. Diese Gruben, meist etwas Abseits gelegen, eignen sich oft hervorragend für eine ‚wilde‘ Übernachtung.

Tag 3

Kilometer 375, Eagle Plains: Die erste Tankstelle seit dem Start. Die Anlage erinnert an Installationen aus den fünfziger Jahren, der nette ältere Herr muss sich auf sein Gehör verlassen, wenn es darum geht, die Tanks nicht überlaufen zu lassen. Der Preis für den Liter Diesel ist immer noch tiefer als am Muncho Lake, wo CAD 1.846 fällig gewesen wären.  Für sechs Dollar können wir sogar ein (kanadisches) Brot kaufen.

Kilometer 405: Polarkreis. Dieser schöne Ausstellplatz wird für einen ausgiebigen Brunch genutzt.

Kilometer 539: Es gilt den Peel-River mit der Gratis-Sommer-Fähre (im Winter eine Eisbrücke) zu überqueren.

Kilometer 550: In Fort McPherson laden uns einige ‚locals‘ aus dem Stamm der Gwich’in zu einem Kaffee-Tee-Muffin-Guzzi-Plausch ins neu erstellte Gemeinschaftscenter ein. Wir freuen uns über die herzliche Gastfreundschaft und palavern mit ihnen über die umstrittene Pipeline, die hier gebaut werden soll.

Kilometer 565:  Ein fast mückenfreier Ausstellplatz lädt zu einem einsames, ruhigen, Abendessen. Doch dann nebelt uns Rauch (‚Wildfire‘ ?) ein. Der Brandgeruch ist unverkennbar und es stellt sich die Frage, ob dieser ruhige und idyllische Platz auch sicher ist. Abwarten und Beobachten ist die Devise, denn die Sonne ist immer noch sichtbar. Der Rauch verzieht sich langsam und die taghelle Nacht bricht herein. Wir bleiben.

Tag 4:

Kilometer 608: Mit der zweiten Gratisfähre muss der McKenzie überquert werden. Als einzige Passagiere geniessen wir eine Privatflussfahrt.

Kilometer 736: Inuvik, die kleine Grossstadt, hier endet der Dempster Highway. Die Ergänzung unsere Vorräte ist zu satten Preisen möglich, da kostet ein Kilo Tomaten schon mal 18 Dollar. Wie alle anderen Reisenden auch, geht es weiter zur Bibliothek, dem einzigen öffentlichen Zugang zum Internet. Zeitungen herunterladen und Mails checken wäre angesagt. Dies klappt nur teilweise, denn das Netz ist infolge Übernutzung extrem langsam. Das Passwort merken wir uns.

Kilometer 880: Seit 2018 gibt es eine zusätzliche, 144 Kilometer lange Strasse (gravel road) nach Tuktoyaktuk (ausgesprochen ‚Taktojaktak‘, kurz Tak). Bei wolkenlosem Himmel und schönstem Sonnenschein, bewältigen wir diese zusätzliche Strecke in drei Stunden. Und dann:

END OF THE ROAD

Wir stehen am Arctic Ocean (Nordpolarmeer, Beaufortsee) und Eva nimmt ihr lange geplantes Fussbad.

Tuktoyaktuk (übersetzt ‚sieht aus wie ein Caribou‘) entpuppt sich als kleines ursprüngliches Fischerdörfchen. Ob es tatsächlich wie ein Caribou aussieht ist nicht erkennbar, und so bleibt diese Frage unbeantwortet.

Die wenigen Stellplätze (ohne Comfort) zum Übernachten würden 60 Dollar kosten. Eva fragt Einheimische nach der Bezahlmöglichkeit, niemand weiss etwas, es gibt kein ‚self check in‘ und das kleine Visitor Center ist infolge Personalmangels geschlossen. Das wird günstig…

Mit Schwemmholz, das in rauen Mengen zur Verfügung steht, grilliert sich Thomas ein saftiges Steak. Wir geniessen bis in die späte Nacht die Sonne und das glitzernde Polarmeer.

Dies ist der nördlichste Punkt unserer Reise. Ab jetzt gibt es nur noch die Allgemeine Richtung Süden. Einmal Dempster hin, ist gleich zwei Mal Dempster, wieder zurück, keine Alternative!

Randbemerkungen: Warum diese Piste ‚Highway‘ genannt wird, erschliesst sich beim Befahren von selbst, die Kiesaufschüttungen damit der Permafrost nicht auftaut, sind zum Teil mehrere Meter hoch

Die Hügel im Hintergrund werden Pingo genannt und haben einen Kern aus Eis. Sie dienten als Orientierungshilfen in der sonst flachen eintönigen Landschaft.

Tag 5

Kilometer 1‘024: Vor der offiziellen Öffnungszeit der Bibliothek in Inuvik stehen wir bereits beim Eingang, loggen uns mit dem von gestern bekannten Passwort ein und skypen ohne Probleme.

Kilometer 1‘045: Der Gwich‘in Territorial Campground ist wunderschön gelegen aber etwas unheimlich, denn es gibt keine weiteren Gäste. Die sehr rudimentäre Infrastruktur, insbesondere das nur tropfenweise verfügbare Wasser, mag der Grund dafür sein. Eine weitere sonnige Nacht bringt unseren Schlaf-Wach-Rhythmus aus dem Takt.

Tag 6

Unsere Wasservorräte sind erschöpft. Alle Möglichkeiten entlang des Highways werden abgeklappert bis es gelingt unseren Tank zu füllen. Duschen ist somit für die nächsten Tage doch noch gesichert. Die Fähren über den McKenzie und den Peel River funktionieren tadellos auch in entgegengesetzter Richtung.

Eine grosse wilde Caribou Herde hält sich auf einer riesigen Grünfläche auf. Eine Kiesgrube am Strassenrand bietet sich als idealen Ort an, um die Szene mit unseren Fotoapparaten zu dokumentieren. Die Tiere sind über eine weite Fläche mit Teleobjektiv und Feldstecher sehr gut zu beobachten.

Der erste Versuch, die Kiesgrube nach diesem schönen Erlebnis wieder zu verlassen, scheitert am weichen Untergrund. Alphie gräbt sich ein und kommt nicht mehr hoch! Vierradantrieb und Schub mit dem Rückwärtsgang, so befreit uns Thomas aus der misslichen Lage. Ohne geländegängiges Fahrzeug hätte es nur mit externer Hilfe ein Weiterkommen gegeben.

Kilometer 1‘290: eine weitere kleine, stillgelegte Kiesgrube dient als 'romantischen' Übernachtungsplatz.

Tag 7

Das schöne Wetter der letzten Tage wird durch strömenden Regen abgelöst. Die Strecke ist glitschig und anstrengend zu fahren. In Eagle Plains tanken wir nochmals auf, denn auf den nächsten 369 Kilometern gibt es keinen ‚Most‘ mehr.

Kilometer 1‘566: dieser Fahrtag war sehr anspruchsvoll, weshalb uns der Engineer River Campground auf halber Strecke zum Ende des Dempsters gerade gelegen kommt. Es gibt Gratisfeuerholz und Feuerstellen, ansonsten ist die Anlage sehr einfach und etwas matschig. Stört uns nicht, Thomas feuert gehörig ein, dann kommt der Regen. Für die ‚baked potatoes‘ reicht die Hitze im Feuer, die Steaks müssen dann aber ausnahmsweise ‚inhouse‘ gegrillt werden, es kübelt aus allen Wolken.

Tag 8:

Die letzten 194 der insgesamt 1‘760 Kilometer gehen problemlos, routiniert wird Schlaglöchern ausgewichen und werden Lastwagen gekreuzt.  Die ‚Piste‘ schüttelt uns aber trotzdem nochmals so richtig durch. Bei wunderschönem Wetter schliessen wir unsere Dempster-Highway-Reise ab.

Wir hatten keine Reifenpanne, wie so viele mit Strassenpneus, die am Strassenrand standen und mit Wagenhebern hantierten mussten. Die fliegenden Steine haben uns dafür wieder erwischt: zwei neue ‚Chips‘ in der Windschutzscheibe müssen repariert werden. Trotz des einmaligen Abenteuers können uns Gravel Roads für den Moment gestohlen bleiben. 

Alphie ist kaum wiederzuerkennen, richtig eingesaut‘. Er bekommt als erstes eine Vollwäsche.

Was hat es mit dem sauren Zeh auf sich?

4 comments

  1. Hallo ihr Beiden!
    Was für ein Abenteuer, es klingt wirklich spannend. Das Ziel erreicht zu haben, scheint eine grosse Freude gewesen zu sein. Muss gleich mal überprüfen, wo ihr da gefahren seid auf der Karte…
    P. S: wie lustig, auch wir hatten das Vergnügen die Bekanntschaft von Ruth und Markus zu machen 😛 damals in Montreal genossen wir Kaffee und Kekse in ihrem tollen Camper während es draussen immer dunkler wurde… (:
    Liebe Grüsse
    Melina

    1. Liebe Melina,
      ja, diese Strasse in den Norden war wirklich ein Abenteuer.
      Wir werden Ruth und Markus wahrscheinlich wieder treffen und es uns nicht nehmen lassen, Grüsse von Euch zu übermitteln.
      Herzliche Grüsse aus Tok, Eva und Thomas

      PS: die Route kannst Du nachsehen unter „aktuelle Position“ und dann Verlauf oben links neben meinem Namen auf „all“

      1. Hallo Ihr Beiden,
        Stimmt – überraschend und erfreulich.
        Wir haben nun gegen Süden gedreht und hoffen auf ein Wiedersehen mit Euch irgendwo zwischen Vancouver und San Diego…

        Wir werden Euch gerne über WhatsApp kontaktieren.

        Grüsse aus Anchorage
        Eva & Thomas

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